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Er hat sein Herz verschlossen.Um nicht verletzt zu werden... liebt er niemanden.
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Eros und Psyche
Vor vielen Jahren lebten ein König und eine Königin, die hatten drei Töchter. Die älteste war schön, die jüngere war noch schöner, aber am allerschönsten, über alle Begriffe schön, war die jüngste Tochter, Psyche.
Aus fernen Länder kamen die Leute gezogen, segelten übers Meer und überstiegen schneebedeckte Gebirge, nur um die schöne Psyche zu sehen.
Sie bestaunten sie, wenn sie aus dem Palast kam, knieten vor ihr nieder und flüsterten:
"Die Göttin der Schönheit und Liebe, Aphrodite selbst, hat den Olymp verlassen und ist zu uns gekommen. So schön kann keine Tochter menschlicher Eltern sein."
"Ach nein, das ist nicht die Göttin Aphrodite", sagten andere, "eine neue Göttin ist geboren, schöner und mächtiger als Aphrodite."
Und sie knieten vor ihr und beteten sie an und brachten ihr Opfer.
Wenn Psyche auf die Straße ging, dann bevölkerten sich die Straßen wie bei einem Fest, die Menschen liefen zusammen und bestreuten ihren Weg mit vielen Blumen.
In den verlassenen Tempeln der Göttin Aphrodite spannen Spinnen ihre Netze, die Asche auf den Opferaltären war längst erkaltet, und niemand brachte neue Opfer. Die Tempelstufen waren mit Gras und Unkraut überwachsen. Alle verehrten die Königstochter Psyche und dachten nicht mehr an die Göttin Aphrodite.
Mit Erbitterung sah Aphrodite, wie ihr Ruhm verblaßte und die Menschen sich anschickten, einer Menschentochter neue Tempel zu weihen.
Diese Schmach war ihr unerträglich, und so rief sie ihren Sohn Eros, der ihr helfen sollte, die vermessene Prinzessin zu bestrafen. Der geflügelte Sohn der Göttin breitete seine goldenen Schwingen aus und flog sogleich zu seiner Mutter.
In der Hand hielt er einen Bogen, und sein Köcher war voller Pfeile.
Diese waren für Menschenaugen unsichtbar, doch wen sie trafen, der entbrannte in Liebe.
Und die Liebe brachte den einen Freude, den anderen Kummer und Schmerz.
"Unten auf der Erde lebt die Königstochter Psyche", sagte Aphrodite zu Eros, "die ist so vermessen, sich wie eine Göttin verehren zu lassen. Du wirst mir helfen, sie zu bestrafen. Du wirst deinen Bogen spannen und sie mit deinem Pfeil ins Herz treffen. Doch dein Pfeil darf ihr nicht Freude bringen, sondern nur Leid. Sie soll den schlechtesten Mann, den die Erde trägt, zum Gatten nehmen. In ihrer Pein und Erniedrigung wird niemand sie verehren, und auf meinen Altären wird wieder das Feuer flackern und der Duft der Opfer wird wieder zum Himmel steigen."
Gehorsam nickte Eros mit dem Kopf und flog davon, um auszuführen, was die Mutter ihm aufgetragen hatte.
Er verbarg sich in einer Baumkrone vor dem Königspalast und zog einen Pfeil aus dem Köcher.
Rund um den Palast standen überall Haufen von Wanderern, die warteten, bis die schöne Psyche herauskam.
Es dauerte nicht lang, und ihre Schönheit erstrahlte inmitten der Wartenden wie Sonnenglanz. Eros ließ die Hand mit dem Bogen sinken und blickte wie gelähmt auf Psyche. Dann steckte er den Pfeil zurück in den Köcher und flog fort. Zum erstenmal war er seiner Mutter ungehorsam.
Obwohl Psyche von allen verehrt und bewundert wurde, war sie nicht glücklich. Ihre weniger schönen Schwestern hatten geheiratet und waren zu ihren Gatten gezogen, um Psyche aber bewarb sich keiner, alle beteten sie nur an. Der König ahnte, daß wohl die Götter seiner Tochter zürnten, und ließ das Orakel befragen, was zu tun sei.
Das Orakel aber lautete: "Kleide Psyche in ein Totenhemd, das wird ihr Brautkleid sein. Führe sie auf die Spitze des Felsens hinter dem Palast. Dort wird ihr Bräutigam zu ihr kommen. Er ist nicht menschlichen Ursprungs und vermag grausame Dinge zu tun."
Der König hörte den Orakelspruch und weinte. Seine liebste und schönste Tochter war nicht für Menschenliebe geboren, sondern ein Scheusal sollte sie vom öden Felsen entführen.
Trotzdem wagte er nicht, dem Befehl der Götter zu trotzen.
Er ließ ein Trauermahl zubereiten, rief Musikanten und befahl ihnen, die traurigsten Lieder zu spielen.
Die Tochter ließ er wie fürs Grab kleiden.
Als die Fackeln verloschen und die Gesänge verstummten, trat Psyche zum letzten Mal aus dem Palast.
Der König, die Königin und das ganze Volk begleiteten sie weinend und wehklagend zu dem Felsen hinter dem Palast.
Auf die Felsspitze stieg sie allein.
Sie setzte sich nieder, Tränen der Angst rannen ihr über die Wangen, und rund um sie trieben trübe graue Wolken.
Da vertrieb der sanfte Wind Zephyr plötzlich das Gewölk, nahm Psyche zart in die Arme und trug sie von dem hohen Felsen hinweg in ein Tal voll duftender Blumen und frischen Rasens. Er trocknete ihre Tränen, und Psyche sah sich um. Vor ihr rauschte leise ein Hain, und im Schatten der Bäume glitzerte eine kristallklare Quelle.
Unweit der Quelle stand ein prächtiges Schloß, die Wände aus gehämmertem Silber, das Dach aus Gold und Elfenbein. Ängstlich näherte Psyche sich dem Schloß. Die Türen standen offen, ein bunter Lichtschein entströmte ihnen. Die Fußböden des Schlosses waren mit Edelsteinen ausgelegt und spielten in allen Farben.
"Wer mag in diesem herrlichen Schloß wohl wohnen", überlegte Psyche.
Sie stieg auf die erste Stufe der Treppe, auf die zweite, die dritte, lief die Treppe hinauf und spähte in den Saal, und trat ein.
Sie ging durch leere Räume und fand niemand. Während sie gerade wertvolle Vasen und Marmorstatuen bewunderte, erklang die Stimme eines unsichtbaren Wesens:
"Willkommen, Psyche, in meinem Schloß. Alles, was du ringsum siehst, gehört dir. Hast du einen Wunsch, so sprich ihn nur aus. Meine Diener werden ihn dir erfüllen."
Psyche wünschte zu baden.
Kaum hatte sie den Wunsch ausgesprochen, bereiteten ihr unsichtbare Hände schon ein Bad.
Nach dem Bad fand sie einen gedeckten Tisch mit den feinsten Speisen und Getränken.
Während sie aß, überraschte sie ein unsichtbarer Sänger mit Liedern, und unsichtbare Musikanten mit Musik. Sie lauschte der lieblichen Musik und dem Gesang, bis Müdigkeit sie überkam. Im Nebenzimmer fand sie bereits ein offenes Bett.
Müde legte sie sich nieder, konnte aber nicht einschlafen. Sie grübelte über das Zauberschloß und den Gatten, den ihr das Orakel angekündigt hatte. Dann dachte sie wieder an die Eltern, die wohl weinten.
Es dämmerte und wurde finster.
Im Dunkel vernahm Psyche ein Geräusch. Jemand, den sie in der Finsternis nicht sehen konnte, kam zu ihrem Bett und sprach ganz in der Nähe:
"Ich bin dein Gatte, Psyche", sagte er, "fürchte dich nicht vor mir. Nichts soll dir fehlen, dafür werden meine unsichtbaren Diener sorgen. Doch mein Antlitz darfst du nie sehen. Darum werde ich nur nachts zu dir kommen, und nur im Finstern kannst du mit mir reden."
Die Stimme des seltsamen Gatten war lieb und klar, und Psyche hörte auf, sich zu fürchten.
Sie versprach, daß sie nie versuchen werde, das Antlitz des Unbekannten zu sehen, und daß sie bei ihm bleiben wolle.
Tagsüber sah Psyche in dem prächtigen Schloß keine Menschenseele, und ihr einziger Trost war, daß sie abends ihren Mann traf.
Der König und die Königin hätten gern gewußt, was mit ihrer Tochter geschehen war.
Sie dachten an das Orakel und fürchteten, daß Psyche von einem bösen Drachen zerrissen worden sei.
Auch die Schwestern hörten vom Schicksal der jüngsten Prinzessin, und sie begaben sich in den Königspalast, um ihre betrübten Eltern zu trösten.
In dieser Nacht sagte der unbekannte Gatte zu Psyche: "Liebe Psyche, dir droht Gefahr. Morgen werden deine Schwestern auf den hohen Felsen steigen, dich rufen, weinen und klagen. Vielleicht wirst du ihr Wehklagen hören, doch darfst du ihnen nicht antworten."
Vor Psyches Augen tauchte das Bild ihres fernen Heimes auf, sie begann zu weinen und bat und beschwor ihren Mann, er möge ihr erlauben, die Schwestern einzuladen. Sie wolle ihnen sagen, daß es ihr gut gehe, und ihre Eltern würden nicht mehr um die verlorene Tochter trauern. Sie bat und bat, bis sie den Gatten überredet hatte.
Er erlaubte ihr, die Schwestern einzuladen und zu beschenken, verbot ihr jedoch, ihnen die Wahrheit über ihren Gatten zu sagen.
Psyche dankte ihm und versprach alles.
Sie freute sich, nach so langer Zeit ihre Schwestern wiederzusehen.
Am nächsten Tag stiegen die Schwestern auf die Spitze des Felsens.
Dort klagten sie und riefen Psyche beim Namen.
Psyche hörte sie und befahl dem sanften Wind Zephyr, die Schwestern zum Schloß zu bringen. Zephyr breitete sein durchsichtiges Gefieder aus und trug die beiden Schwestern zum Schloß.
Psyche umarmte sie, fragte sie aus, erzählte und lachte vor Glück. Die Schwestern lachten auch, doch beim Anblick des herrlichen Schlosses lächelten sie nur noch.
Als Psyche sie durch die Räume führte und die Schwestern über Gold und Edelsteine schritten, verging ihnen auch das Lächeln. Psyche befahl den unsichtbaren Händen, ein Bad zu bereiten und den Tisch zu decken.
Die Schwestern badeten, aßen Speisen, die sie noch nie gekostet hatten, und tranken Getränke von unbekannter Köstlichkeit.
Blaß vor Neid fragten sie: "Und wann zeigst du uns deinen Gatten?"
Psyche dachte an den Rat ihres Mannes und antwortete nicht. Die Schwestern drängten, spotteten und ließen nicht ab zu fragen. Psyche wollte die unangenehmen Fragen loswerden und sagte darum, was ihr gerade einfiel: "Mein Mann ist noch jung, er ist den ganzen Tag auf der Jagd, deshalb könnt ihr ihn nicht sehen."
Hastig überhäufte sie die Schwestern mit Gold und Edelsteinen, rief Zephyr herbei, und dieser trug sie zurück.
Die Schwestern hatten Psyches Geschenke angenommen, doch hatten sie daran keine Freude. Es plagte sie der Neid. Die älteste Schwester sagte: "Wie kommt Psyche dazu, in solchem Überfluß zu leben und unsichtbare Diener zu haben wie eine Göttin? Was habe denn ich? Einen geizigen Mann. jedes Goldstück dreht er zehnmal um, bevor er es ausgibt, und die Deckenbalken würde er aus lauter Geiz verfaulen lassen."
"Und wie ist mein Mann?" sagte die zweite Schwester. "Alt und krank. Er geht nie auf die Jagd. Das ganze Haus riecht nach Arzneien und Kräutertränken. Und bei Psyche duftet alles nur so nach teuren Ölen. Sind wir nicht älter als Psyche? Warum soll sie alles haben und wir nichts? Wir wollen den Eltern lieber nicht sagen, was wir gesehen haben. Warum sollen wir Psyches Glück ausposaunen?"
Die Schwestern liefen jammernd zu den Eltern und behaupteten, sie hätten Psyche nicht finden können. Insgeheim dachten sie nur daran, wie sie der jüngsten Schwester schaden könnten.
Psyche war froh, daß sie ihr Geheimnis gehütet hatte. Abends, als alles in Dunkel gehüllt war, hörte Psyche wieder die Stimme ihres Mannes. Er lobte sie dafür, daß sie die Fragen der Schwestern abgewehrt hatte, fügte aber traurig hinzu: "Wenn du mich nur beim nächsten Mal nicht verrätst, Psyche! Die Schwestern beneiden dich und werden gewiß wiederkommen. Sprich mit ihnen nicht von deinem Mann und suche nicht zu erfahren, wer ich bin. Wenn du mein Gesicht auch nur ein einziges Mal siehst, verlierst du mich auf immer, und wir kommen nie wieder zusammen."
Psyche versprach, zu gehorchen und nichts zu verraten. Die Schwestern ließen nicht lange auf sich warten. Nach einigen Tagen kamen sie wieder. Sie warteten nicht erst, bis Psyche den Zephyr sandte. Ungeduldig sprangen sie vom Felsen hinab. Zephyr fing sie im Fallen auf und setzte sie auf den Rasen vorm Schloß nieder.
Psyche hieß sie willkommen, bewirtete und beschenkte sie. Zuerst berichteten die Schwestern, was auf der Erde los sei.
"Du hättest Vater und Mutter sehen sollen", logen sie, "wie sie sich über dein Glück gefreut haben. Und wer ist ihr Mann? fragten sie uns. Wir haben ihn nicht gesehen, antworteten wir, Psyche wird ihn uns erst beim nächsten Mal zeigen."
Psyche aber hatte vergessen, was sie sich beim letzten Besuch der Schwestern ausgedacht hatte, und sagte: "Mein Mann ist nicht zu Hause. Er ist schon alt und in Geschäften verreist."
Unverzüglich rief sie den Zephyr und ließ die Schwestern zum Felsen zurücktragen.
Die Schwestern kehrten nach Hause zurück, und die Älteste legte los: "Das ist merkwürdig, das letztemal hat sie gesagt, ihr Mann wäre jung und jetzt sagt sie, er sei ein alter Kaufmann."
"Entweder", sagte die andere Schwester, "hat sie ihren Mann überhaupt noch nicht gesehen, oder sie lügt. Wir müssen noch einmal zu ihr gehen und die Wahrheit herausfinden."
Die Schwestern übernachteten im Palast der Eltern und konnten den Morgen kaum erwarten. In aller Frühe liefen sie zum Felsen, ließen sich vom Zephyr hinabtragen und eilten zur jüngsten Schwester.
"Ach Schwesterchen, arme Psyche", riefen sie und preßten geheuchelte Tränen aus den Augen, "du ahnst ja nicht, was deiner wartet! Weißt du, wer dein Mann ist? Das Orakel hat die Wahrheit gesagt, er ist kein Mensch wie wir, sondern ein greulicher Drachen."
Psyches erschrockenes Gesicht verriet, daß sie ihren Mann noch nie gesehen hatte.
Die Schwestern bemerkten ihren Schrecken und begannen erst recht zu lügen.
"Hirten haben ihn um den Felsen kreisen sehen", behauptete die eine. "Er ist fürchterlich, schon der Anblick macht einen krank" log die zweite.
"Wenn er dich aufgefüttert hat, wird er dich sicher fressen", sagten beide.
"Was soll ich tun?" fragte Psyche angsterfüllt die Schwestern.
"Hab keine Angst, wir wollen dir raten", trösteten die Schwestern sie heuchlerisch. "Stelle unter dein Bett eine Öllampe. Verdecke die Flamme mit einem Gefäß, damit der Drache das Licht nicht sieht. Im Bett halte ein scharfes Messer bereit. Wenn das Ungeheuer einschläft, dann nimm leise das Licht hervor und schneide ihm mit einem Streich den Kopf ab. So wirst du dich aus seiner Gewalt befreien, und wir werden uns schon um dich kümmern. Wir sind schließlich deine Schwestern."
Psyche dankte den Schwestern, und Zephyr trug sie zum Felsen zurück. Aufgeregt bereitete Psyche Licht und Messer vor und wartete auf den Abend.
Endlich senkte sich die Sonne ins Meer hinab, und das Schloß hüllte sich in Finsternis. Mit der einfallenden Nacht kam auch Psyches Gatte. Er war diesmal besonders müde und schlief bald ein. Sobald Psyche hörte, daß er ruhig atmete, enthüllte sie das Licht und ergriff das Messer. Doch als sie das Bett ihres Mannes beleuchtete, fuhr sie erschrocken zurück. Vor ihr lag der Sohn der Göttin Aphrodite selbst, und seine goldenen Flügel schimmerten im Licht der Öllampe. Er war so schön, daß Psyche aufseufzte. Das Licht in ihrer Hand zitterte, und Tropfen heißen Öls fielen auf die Schulter des jungen Gottes. Sogleich erwachte Eros, vom Schmerz geweckt. Er sah Psyche, die sich über ihn beugte. Wortlos erhob er sich vom Lager und entflog in die Finsternis.
Vergeblich rief die unglückliche Psyche ihm nach und bat ihn, zurückzukommen. Ringsum war nur schweigende Nacht, niemand antwortete ihr. Verzweifelt lief Psyche ins Dunkel hinaus, stolperte über Wurzeln und Steine, zerriß sich die Haut an dornigem Gestrüpp und suchte, rief nach dem Gatten und lauschte wieder, ob sie nicht das Rauschen seiner Flügel höre. Die Nacht war stumm. Inzwischen flog Eros zu seiner Mutter Aphrodite und gestand ihr, was ihm widerfahren war.
"Recht ist dir geschehen", ärgerte sich die Göttin, "wärest du mir gefolgt, so hätte Psyche dich nicht verbrannt. Warst du nicht imstande, sie zu bestrafen, so will ich es selbst tun."
Eros legte sich nieder und bekam von den Brandwunden ein böses Fieber.
Psyche irrte durch die Welt, suchte den Gatten und wurde von Gewissensbissen und Sehnsucht geplagt. Sie fragte die Leute in den Städten, die Hirten auf den Weiden und die Fischer am Meeresstrand, ob sie nicht Eros, ihren Gatten, gesehen hätten. Einige schüttelten mitfühlend den Kopf, andere verspotteten sie, und alle glaubten, Psyche sei verrückt geworden.
Kein Mensch hatte jemals Eros gesehen, obwohl sein Pfeil der Freude oder des Leids jeden einmal getroffen hatte.
Nach langem Umherirren und Suchen kam Psyche zu ihrer ältesten Schwester und erzählte ihr von ihrem traurigen Geschick. Die Schwester tat, als bedaure sie Psyche.
Kaum war diese jedoch gegangen, lief sie zu dem hohen Felsen, stieg hinauf und rief: "Trage mich, Zephyr, zu deinem Herrn! Ich will ihm eine bessere Gattin sein als Psyche."
Mit diesen Worten sprang sie in die Tiefe. Zephyr achtete jedoch nicht ihres Befehls, und die mißgünstige Schwester stürzte sich zu Tode.
Auch zur zweiten Schwester ging Psyche und klagte ihr ihr Leid. Die Schwester heuchelte Mitleid und tröstete sie. Doch sie dachte nur daran, wie sie selbst Eros die Gattin ersetzen könnte. Kaum war Psyche fort, lief auch die zweite Schwester zum Felsen, stieg hinauf und rief: "Eros, empfange deine wahre Gattin, und du, Zephyr, trage mich hinab!" Sie riefs und sprang in den Abgrund.
Doch auch der zweiten Schwester gehorchte Zephyr nicht. Sie zerschellte in der Tiefe.
Endlich traf Psyche, das Herz von Leid, Sorge und Sehnsucht zusammengeschnürt, auf die Diener der Aphrodite, die sie suchten.
"Da bist du!" schrien sie. "Wir sollen dich sofort zu unserer Herrin, der Göttin Aphrodite, bringen. "
Psyche wehrte sich nicht. Sie hoffte, bei Aphrodite ihren Gatten zu treffen. So folgte sie den Dienern in die Berge, wo die Göttin hoch über den Wolken ihren Palast hatte.
Aphrodite maß Psyche mit bösem Blick und sagte: "Ehert man dich nicht mehr als Göttin? Wo sind die Leute, die dir Geschenke und Opfer gebracht haben? Mein Sohn Eros ist bei mir, ich habe ihn gut eingeschlossen, hoffe nicht, ihn zu sehen. Durch deinen frechen Ungehorsam hat er sich ein Fieber zugezogen."
Und die Göttin befahl den Mägden, Weizen, Gerste, Hirse, Mohn, Erbsen, Linsen und Bohnen zu mischen. Dann führte sie Psyche vor den großen Haufen und befahl ihr: "Hier bezähme deinen Stolz! Bis zum Abend mußt du diesen Haufen sortieren und schön nach Arten ordnen. Bei Anbruch der Nacht komme ich wieder. Bist du mit der Arbeit nicht fertig, so wirst du streng bestraft!"
Die Göttin ging, und Psyche setzte sich zu dem Haufen. Sie versuchte nicht erst, die Körner zu sortieren. Wer auf Erden hätte eine solche Arbeit bewältigen können? Traurig beobachtete sie, wie die Schatten länger wurden, und wartete ohnmächtig auf die Strafe, die Aphrodite ihr angedroht hatte.
Da kam eine kleine fleißige Ameise vorübergelaufen und empfand Mitleid mit der schönen Psyche. Sie holte ihre Freundinnen herbei, und gemeinsam machten sie sich an die Arbeit. Die einen Ameisen trugen die Weizenkörner zur Seite, die anderen die Gerste und die dritten die Hirse. So viele kamen, daß der Haufen unter ihnen verschwand. Sie schlichteten Korn um Korn auf sieben Häuflein. Bis zum Abend hatten sie alles aussortiert.
Abends kam Aphrodite, mit Rosen bekränzt, vom olympischen Mahl und schrie Psyche zornig an: "Glaube nicht, daß du gewonnen hast! Du hast das gewiß nicht allein gemacht. Jemand hat mit dir Mitleid gehabt und dir geholfen. Umso schlimmer für dich!"
Sie warf der Prinzessin ein Stück Schwarzbrot zu und schloß sie über Nacht ein.
Morgens kam Aphrodite wieder und befahl, ohne Psyche anzusehen: "Siehst du den Hain am Fluß? Dort weiden Schafe mit goldglänzender Wolle. Lauf in den Hain und bringe mir einem Korb voll dieser Wolle."
Bereitwillig lief Psyche zum Hain. Die heutige Aufgabe erschien ihr viel leichter. Als sie am Fluß entlang lief, erbarmte sich ihrer das Schilf und flüsterte: "Psyche, eile nicht so. Am Morgen sind die Schafe im Hain wild, sie würden dich zu Tode stoßen. Warte lieber, bis die Mittagssonne nachzulassen beginnt. Die Schafe werden schlafen, und du wirst leicht deinen Korb mit der Wolle, die im Gestrüpp hängen geblieben ist, füllen können."
Psyche gehorchte der Stimme des guten Schilfs und verbarg sich hinter einem Baum.
Nachmittags schliefen die Schafe ein. Psyche sammelte die goldene Wolle und eilte zu Aphrodite.
Die Augen der Göttin blitzten.
"Glaube nicht, daß du gewonnen hast. Gewiß hat jemand dich bedauert und dir geholfen. Wir werden sehen, wie du die dritte Aufgabe erfüllst. Hier hast du eine Kristallschüssel. Lauf und bringe mir darin Wasser aus der schwarzen Quelle. Sie entspringt unter jenem Berggipfel."
Psyche eilte, den Wunsch der Göttin zu erfüllen. Sie kletterte über scharfe, schlüpfrige Steine auf die Bergspitze, unter der die schwarze Quelle hervorsprudelte. Die Sehnsucht nach dem Gatten half ihr über die gefährlichen Stellen. Die Hoffnung, Eros wenigstens noch einmal zu sehen, wenn sie den Befehl der Göttin ausführte, gab ihr Kraft.
Sie kam so nahe an die Quelle heran, daß sie das in den Abgrund hinabstürzende Wasser rauschen hörte, und erstarrte vor Schreck. Sie konnte keinen Fuß heben. Aus den Höhlen rund um die Quelle streckten Drachenungeheuer ihre vielgezähnten Rachen hervor und glotzten Psyche mit höhnischen Augen an. Und das rauschende Wasser rief:
"Geh fort! Nimm dich in acht! Du bist des Todes! Fliehe!"
Psyche begannen Tränen aus den Augen zu fließen. Sie war am Ziel und wagte es nicht, die Schüssel mit Wasser zu füllen. Ihr Kummer und Leid erweckte Mitleid in einem stolzen Adler. Er kam aus den Wolken herab und sprach zu ihr: "Psyche, solch schwere Aufgabe könntest du nie allein erfüllen. Das Wasser der schwarzen Quelle stürzt geradewegs in die Unterwelt, ins Totenreich, und kein Sterblicher kann auch nur einen Tropfen davon auffangen. Doch gib mir das Gefäß, ich will dir helfen."
Psyche gab dem Adler die Schüssel, der nahm sie in den Schnabel, ruderte mutig mit den Flügeln mitten zwischen die Kiefer der schrecklichen Drachen, fing Wasser auf und kam zurück.
Psyche dankte ihm voll Freude und lief mit dem Wasser zu Aphrodite. Unterwegs gab sie gut acht, um auch nicht einen Tropfen zu verschütten.
Aphrodite lachte böse: "Wahrhaftig, es scheint, du bist eine mächtige Zauberin. Doch ich habe für dich noch eine Aufgabe. Nimm diese Dose und geh geradewegs in die Unterwelt, ins Schattenreich. Gib die Dose der Persephone und bitte sie, dir etwas Heilsalbe für meinen Sohn zu geben. Du hast ihn verbrannt, bringe ihm wenigstens Hilfe. Und komme nicht ohne die Salbe zurück!"
Schweren Herzens ging Psyche aus dem Palast der Göttin Aphrodite. "Nur Tote können die Toten besuchen", sagte sie sich. Wer einmal in ihr Reich hinabsteigt, kehrt nicht mehr unter die Lebenden zurück. Dennoch hätte sie gern dem Eros die Salbe aus der Unterwelt gebracht. Vielleicht brennt und schmerzt seine Wunde, vielleicht klagt er, dachte Psyche entsetzt. Schnell, schnell, rauschte ihr das Blut in den Schläfen. Verwirrt suchte sie den kürzesten Weg in die Unterwelt. Atemlos eilte sie zu einem hohen Turm. "Ich springe vom Turm, und der Tod wird mich sogleich ins Totenreich führen", dachte sie. Entschlossen ging sie auf die Treppe zu, die hinaufführte.
Da wurde selbst der kalte steinerne Turm von Mitleid gerührt und sprach mit menschlicher Stimme: "Halt ein, arme Psyche. Warum willst du dich töten? Stürbest du und dein Schatten ginge ein in die Unterwelt, könntest du nie wieder zur Erde zurück. Geh immer nach Westen, bis du zu einer Höhle unter schwarzen Felsen kommst. Tritt ein und folge dem dunklen Gang. Der führt in die Unterwelt.
Aber du darfst die Reise nicht mit leeren Händen antreten. Nimm zwei Honigkuchen mit und zwei Münzen in den Mund. Unterwegs sprich mit niemand. Dem dreiköpfigen Hund Kerberos, dem Wächter der Unterwelt, wirf einen Kuchen zu und er wird dich durchlassen. Wenn du zum Totenfluß kommst, laß den Fährmann Charon selbst eine der Münzen aus deinem Mund nehmen. Im Fluß wird ein toter Greis schwimmen, der wird seine vertrockneten Arme nach dir ausstrecken und dich bitten, ihn in den Kahn zu ziehen. Beachte ihn nicht. Hilf niemand auf dem Weg in die Unterwelt, du könntest den Kuchen verlieren, ohne den du das Tageslicht niemals wiedersähest. Wenn Persephone dir die Dose mit Salbe gefüllt hat, öffne sie nicht, bring sie verschlossen der Aphrodite.
Auf dem Rückweg gib dem Fährmann Charon auf der Zunge die zweite Münze und wirf dem dreiköpfigen Hund den anderen Kuchen zu. Wenn du mir folgst, wird dir alles gelingen."
Psyche dankte und ging immer nach Westen.
Am Weg erbat sie bei guten Leuten zwei Honigkuchen und zwei Münzen. So kam sie zu den schwarzen Felsen und stieg in die Höhle, von der der Weg in die Unterwelt führte. Alles glückte ihr, und mit Freuden kam sie aus der Finsternis und dem ewigen Schweigen wieder ans Tageslicht hervor, wo Vogelgesang sie begrüßte. Fröhlich trat sie den Rückweg an. Doch ihre Neugier ließ sie an nichts anderes denken als an die wundertätige Salbe in der Dose.
"Wenn ich nur einen Blick darauf werfe und den Deckel sofort wieder schließe, kann doch nichts geschehen", überlegte sie.
Und sie versuchte es gleich.
In der Dose aber war keine Heilsalbe, sondern der Todesschlaf der Unterwelt.
Kaum hatte Psyche den Deckel gehoben, überkam sie der Todesschlaf, und sie stürzte leblos zu Boden.
Inzwischen war Eros' Wunde geheilt, und er sehnte sich nach seiner lieben Gattin. Er sah sich um, ob er sie irgendwo auf der Erde sähe. Da erblickte er sie, wie tot am Boden liegend.
Der Gott breitete seine goldenen Flügel aus und flog zu ihr.
Sorgsam wischte er ihr den Todesschlaf ab und tat ihn wieder in die kleine Dose.
Dann weckte er Psyche mit einem zarten Stich seines Pfeiles und flog zu Aphrodite zurück.
Er wollte vor Psyche im Palast sein.
Und auch Psyche hastete mit der Dose zu Aphrodite.
Eros flehte seine Mutter um Verzeihung für Psyche an, doch Aphrodite war unerbittlich.
Erst als auch der Göttervater Zeus für Psyche ein Wort einlegte, gewährte Aphrodite ihr Gnade.
Zeus sandte den Gott Hermes, um Psyche auf den Olymp zu führen.
Er selbst reichte ihr einen Becher göttlichen Nektars und machte sie unsterblich. Am Olymp wurde sodann prunkvoll Hochzeit gefeiert. Alle Götter nahmen daran teil.
Sie aßen göttliche Ambrosia, tranken Nektar und lauschten dem lieblichen Gesang der Musen.
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